Dialogprozess Russland-Ukraine zur Aufarbeitung der Geschichte

Im „Haus der Geschichte“ in St. Pölten fand am 10. Oktober 2018 ein internes Treffen von Historikern der Russischen Akademie der Wissenschaften und der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften statt. Dieses war, nach Anfangsgesprächen, wie zuletzt in Helsinki, ein wichtiger Schritt im Dialogprozess. In St. Pölten wurden in einem konstruktiven, guten Klima entscheidende Fragen der Geschichte beider Länder diskutiert, die vor allem in der politischen Auseinandersetzung kontrovers gesehen werden und damit auch zusätzlichen Zündstoff in der politischen Debatte liefern. Der damit eingeleitete Dialogprozess auf wissenschaftlich-historischer Ebene fand auf dem neutralen Boden  Österreichs statt und wurde über  Ersuchen beider Seiten vom Grazer Historiker Stefan Karner, Gründungsdirektor des Hauses der Geschichte, moderiert. Der derart eingeleitete, konstruktive Dialogprozess soll auf Wunsch der Historiker beider Länder 2019 fortgesetzt werden.

Inhaltlich konzentrierte sich das Treffen auf die wesentlichen Themen der derzeitigen Geschichtsdebatten: die Entstehung des Staatswesens der „Kiewer Rus“ vor 1000 Jahren und die Frage der daraus resultierenden geschichtspolitischen Herleitung der Gründung beider heutiger Staaten sowie die Positionierung der Ukraine am Scheideweg zwischen West und Ost, zwischen Russland und Polen, und die Hinwendung eines grossen Teils an Russland im 17. Jahrhundert unter dem Kosaken-Hetman Bogdan Chmelnitzky. Die Keynote hielt der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler von der Universität Wien.

Das Treffen wurde vom Bundeskanzleramt und von der niederösterreichischen Landesregierung gefördert. Neben Vertretern beider Botschaften nahmen daran auch Vertreter des Bundeskanzleramtes, des österreichischen Aussenministeriums und der niederösterreichischen Landesregierung teil.

Genese: Vertreter beider Akademien der Wissenschaften waren 2017 mit dem Ersuchen an Prof. Stefan Karner, den damaligen Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, herangetreten, auf dem neutralen Gebiet Österreichs eine Plattform für ein gemeinsames Gespräch über dringende historische Diskussionsfelder zu organisieren. Die Teilnehmer diskutierten daher die zentralen Fragen in den politischen Geschichtsdebatten: die Entstehung der Fürstentümer vor 1000 Jahren, vor allem der Kiewer Rus, die Gründung des russischen und ukrainischen Staatswesens und die sogenannte „Hetmanschtschina“, als ein grosser Teil des heutigen ukrainischen Gebietes im 17. Jahrhundert dem russischen Zarenreich zugeschlagen wurde. Die Veranstaltung leitete, trotz intensiver und kontroverser Diskussionen, einen konstruktiven Dialogprozess ein, auf dem das für 2019 geplante Folgetreffen aufbauen wird. Am Vorabend des Treffens führten Christian Rapp, Direktor des Hauses der Geschichte, und Stefan Karner durch das Haus und die Geschichte des zentraleuropäischen Raumes.