UPDATED: Unsere Expertise zum Krieg in der Ukraine

Expertinnen und Experten am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung zeichnen in (internationalen) Medien ein differenziertes Bild über die historischen und zeitgenössischen Hintergründe des Krieges in der Ukraine sowie die aktuellen Entwicklungen:

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„[W]ir Europäer werden ärmer und in der Welt bedeutungsloser werden – ein ‚9/11‘ für Europa.“ Drastische Konsequenzen für unseren Kontinent sieht Institutsgründer Stefan Karner in seinem Gastkommentar für die Wiener Zeitung. Auch mit Blick auf die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit schließt der Russland- und Osteuropaexperte aber nicht fatalistisch, sondern mit einem Handlungsaufruf, der sich auf historische Krisen- und Katastrophenerfahrungen stützt: „Österreich [muss] die Klimaziele erreichen und die Energiewende durch einen Mix aus erneuerbarer Energie und Unabhängigkeit schaffen. […] Es wird an Politik, Wirtschaft und auch uns allen liegen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, heute Vorausinvestitionen zu tätigen, die auch ohne den Krieg und seine Auswirkungen dringend sind, um Europa im internationalen Maßstab zu festigen, Misstrauen und Hass abzubauen. […] Der Oberrabbiner David Herzog, den die Nazis 1938 mit dem Ertränken in der Mur bedrohten, stellte in Abwandlung eines Zitats aus dem Alten Testament fest: ‚Nur der hat das Leben wirklich verstanden, der Bäume setzt, unter deren Schatten er niemals mehr sitzen wird.’“

Link:
Wiener Zeitung

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„Es gibt einen Krieg um die Geschichte, um die Deutungshoheit. Hier etwa die Frage um die Kiewer Rus – ist Russland älter oder ist die Ukraine älter? Dann die Frage um die Ukrainische Nationalität und Identität? Die Fragen und Aufarbeitung rund um den Holodomor (eine Hungersnot unter Stalins Herrschaft, Anm.), die Sicherheitsfragen der Nato-Osterweiterung bis hin zur Euromaidan-Bewegung. Das alles sind Ursachen und Gründe, aber das alles rechtfertigt keinen Angriffskrieg.“ Dieses Statement von Prof. Stefan Karner stammt von einer hochkarätig besetzten und nun online abrufbaren Diskussion an der Diplomatischen Akademie in Wien. Karner hat dabei unter der Moderation von Emil Brix mit dem Historikerkollegen und Osteuropa-Experten Wolfgang Mueller und Velina Tchakarova, der Direktorin des Austria Instituts für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES) über den Ukraine-Konflikt und den Aufstieg und Niedergang großer Reiche gesprochen.

Link:
Politische Akademie (Nachbericht)
Youtube (Diskussion zum Nachsehen)

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Das Image eines durchsetzungsstarken Herrschers“, das um „Requisiten der alten Sowjetunion“ erweitert wird. So analysiert Institutsleiterin Barbara Stelzl-Marx für die Kleine Zeitung die Inszenierung(en) Wladimir Putins, die am Gedenktag des 9. Mai zum Sieg über Hitlerdeutschland  in Russland mit schwerer Symbolik und maskulinen Rollenbildern zum Vorschein gekommen ist. Ob diese Inszenierung verfängt, so die Zeithistorikerin, „hängt von der Bevölkerungsschicht ab. Die kritischen Jungen versuchen das Land zu verlassen, die breite Masse, vor allem die auf dem Land, konsumiert die von Staatsseite angebotenen Nachrichten und ist einverstanden.“

Link:
(kostenpflichtiger Artikel:) Kleine Zeitung

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„Man hat den Kampf gegen das ukrainische Dorf geführt“ – in der noch einige Tage in der TV-Thek abrufbaren ORF III-Dokumentation Ukraine – Im Schatten Russlands erläutert Prof. Stefan Karner, wie sich die laut ORF „schwierige Beziehung“ der Ukraine zu Russland unter anderem in der – mitunter äußerst repressiven – sowjetischen Ära ausgestaltet hatte. Freies ukrainisches Bauerntum und ein freies ukrainisches Gemeinwesen waren der damaligen Ideologie schon ein Dorn im Auge, so Karner. Der von Alfred Schwarz gestaltete zeithistorische TV-Beitrag blickt vor allem auf die gesellschaftlichen Auswirkungen der „großen Politik“ in der Ukraine.

Link:
ORF III

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Der stellvertretende Leiter unseres Instituts, Doz. Peter Ruggenthaler, war vor kurzem beim Talk im Hangar-7, wo er mit Moderator Michael Fleischacker und weiteren Gästen über den Ukraine-Krieg im Donbass diskutierte. Ruggenthaler sprach dabei unter anderem die verheerenden Folgen dieses Krieges – auch für Russland – an und meinte u.a.: „Am Ende wird eine diplomatische Lösung stehen müssen“.

Link:
Mediathek/ServusTV On
podcast
Highlights auf Youtube 

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Anlässlich des Besuchs von des österreichischen Bundeskanzlers Karl Nehammer in Moskau hat der Schweizer Rundfunk Prof. Stefan Karner, den ehemaligen Leiter unseres Instituts, um eine Einschätzung dieser kontrovers diskutierten Reise (welche unmittelbar auf den Besuch Nehammers in Kiew folgte) gebeten. Er erklärt darin, warum „Österreich so enge Beziehungen nach Moskau hat und welche Haltung Österreich heute vertritt. Denn Karner“, so der SRF, „sagt klar, Nehammer werde sicher nicht mit Putin tanzen.“

Link:
SRF Podcast

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Für Doz. Hannes Leidinger, Leiter der BIK-Außenstelle Wien, ist die Reise des österreichischen Bundeskanzlers Nehammer in die Ukraine „mit Sicherheit ein Wendepunkt in der österreichischen Geschichte, weil unsere Neutralität noch nie so gefährdet war“. Der auch an der Universität Wien wirkende Historiker und Experte für österreichisch-russische Beziehungen zeigt sich hierbei skeptisch und stellt in der Kronenzeitung pointiert fest: „Für das Angebot der humanitären Hilfe und einer klaren Ächtung der Verletzung des Friedens durch Russland müsste der Kanzler nicht nach Kiew fahren“.

Link:
Kronenzeitung

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Peter Ruggenthaler nahm auf der Internetseite des Magazins Vox zur Neutralitätsdebatte rund um die Ukraine Stellung: „Peter Ruggenthaler, deputy director of the Ludwig Boltzmann Institute for Research on the Consequences of War, noted that Austrian political parties have generally been wary of supporting NATO membership, and most Austrians oppose it, too. It is less for the population a question of security — it is mostly a question of identity,‘ he said.“

Link:
Vox

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In der Kärntner Kirchenzeitung Sonntag wurde Prof. Stefan Karner nach den historischen Vorbildern für den Ukraine-Krieg gefragt und antwortete differenziert: „1914 schlitterte man wie ‚Traumwandler‘ in einen Weltkrieg. Ich hoffe, dass dies jetzt nicht der Fall sein wird. 1939 war der Westen gegenüber Hitler lange nachgiebig, ‚Appeasement‘ war das Stichwort“, so der Russland- und Osteuropaexperte. Mit Blick auf die Folgen dieses Kriegs sieht er für Europa eine „eine vielschichtige Herkulesaufgabe für ein, zwei Generationen.“ Das gesamte Interview ist online abrufbar.

Link:
Sonntag

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Die „Vorgeschichte ist sowjetisch“ – das sagt Walter M. Iber, der in unserer Blauen Reihe das Buch Die Sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945-1955 publiziert hat, über die Genese der ÖMV vor dem Hintergrund österreichisch-sowjetischer Wirtschaftsbeziehungen und den heutigen energiepolitischen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine.

Link:
Der Standard

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„Das sind vor allem jüngere Leute, die gewohnt sind, mit den westlichen Medien zu kommunizieren, die gewohnt sind, so wie bei uns zu leben und die diesen Krieg so nicht verstehen können“ – so blickt BIK-Gründer Prof. Stefan Karner in der ORF-Sendung Magazin 1 auf jene Minderheit in Russland, die Putins Kriegsnarrativ kritisch gegenübersteht. Gleichwohl, so Karner, habe die jahrelange mediale Einstimmung auf den Krieg ihre propagandistischen Spuren in der Mehrheitsbevölkerung hinterlassen. Der Beitrag ist in der TV-Thek online noch einige Tage abrufbar.

Link:
ORF

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Der stellvertretende Leiter des BIK,  Doz. Dr. Peter Ruggenthaler hat mit der Wirtschaftskammer Steiermark über die (nicht nur) historischen Wurzeln des Ukraine-Kriegs gesprochen. „Die tiefe Abneigung der Lebensweise des Westens und der Demokratie, gepaart mit seinem [Putins, Anm.] abstrusen Geschichtsbild, haben den Konflikt befeuert“, so Ruggenthaler, der in diesem Kontext besonders auf die persönliche Rolle Wladimir Putins hinwies. Angesichts der Osterweiterung der NATO, so Ruggenthaler „wurden bei den Russen massive Ängste geschürt“ und die Aufrüstung sei gezielt vorangetrieben worden. Die Folgen des Konflikts und die Gefahren, die mit diesem Krieg verbunden sind, schätzt der Sowjetunion- und Russlandkenner als weitreichend ein: „Wenn hier zu viel Widerstand geleistet wird, stehen wir an der Schwelle zum dritten Weltkrieg. Und so wird die Ukraine für den Weltfrieden geopfert. Doch auch Russland zahlt einen hohen Preis und wird für Jahrzehnte in der Isolation verschwinden“

Link:
WKO

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„Wir hätten nie gedacht, dass wir einmal diese Geräte bedienen müssen“ – so zitierte Daniela Kittner im Kurier am internationalen Frauentag aus den Social-Media-Postings von ukrainischen Frauen, die nun in den Krieg gegen Russland hineingezogen worden sind.

Von BIK-Leiterin und Zeithistorikerin Prof. Barbara Stelzl-Marx wollte die Journalistin erfahren, welches Rollenbild Frauen etwa in den Weltkriegen zugeschrieben wurde.  „Wenn die Männer in den Krieg ziehen,“ so Stelzl-Marx, wenn sie „kämpfen, fallen oder gefangen sind, dann müssen die Frauen an der Heimatfront, wie es hieß, die Aufgaben der Männer übernehmen. Sie müssen in Fabriken arbeiten oder den eigenen Betrieb weiterführen, sie müssen sich um die Wirtschaft und um die Landwirtschaft kümmern. Sie müssen schauen, dass es läuft, während die Männer fort sind.“ Gedankt wurde es den Frauen lange Zeit kaum, fügt die Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Uni Graz hinzu: „Als die Männer nach 1945 zurückkehrten, wurden bald wieder die alten Rollenbilder gelebt“, sagt Stelzl-Marx. Frauen im Krieg, so resümiert Kittner mit Blick auf historische und zeitgenössische Kriegsfolgen nachdenklich, „müssen Männer in der Wirtschaft ersetzen, sind Kriegsbeute und Gewaltopfer oder flüchten, um ihre Kinder zu retten.“

Link:
Kurier (nicht kostenfrei)

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„Dieser Krieg kennt nur Verlierer“ – wie unter anderem die Kronenzeitung berichtet, war Prof. Karner mittlerweile im club 3 zu Gast, wo er mit Konrad Kramar (Kurier), Erich Vogl (Krone) und Christa Zöchling (Profil) über den Krieg in der Ukraine und und dessen Auswirkungen auf die russische Gesellschaft sprach. Die Diskussion kann auch auf Youtube nachgesehen werden. „Keiner der ihm bekannten Studenten, Professoren, Archivare, Akademiemitglieder in Russland“, so zitiert Zöchling Karner im Profil, „unterstütze den Krieg.“

Links:
Kronenzeitung
Profil
Kurier
Youtube

 

EINSCHÄTZUNGEN AUS DEM HAUS ZU BEGINN DES KRIEGES:

Am Tag des russischen Angriffs gegen die Ukraine  sagte Prof. Stefan Karner, BIK-Gründer und Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission, gegenüber ORF Steiermark: „Ab heute (Donnerstag, Anm.) wird die Landkarte Europas neu gezeichnet werden, da bin ich überzeugt davon. Die Ukraine wird in der einen oder anderen Form von Russland so angegriffen werden, dass sie vermutlich stärker an Russland herangeführt wird“. In der Kronenzeitung ergänzt der Russland- und Osteuropakenner: „Wir waren voller Hoffnung, dass eine derartige Entwicklung in diesem Raum nicht mehr möglich sein wird.“ Ebenso bedauert Karner, dass „alte Stereotype, die wir für überwunden glaubten“, nun wieder hochkommen und die guten Beziehungen, die von der regionalen Wirtschaft bis zur Wissenschaft mit Russland aufgebaut worden sind, „nun zu zerbrechen drohen“.

Genau hier knüpft BIK-Leiterin Prof. Barbara Stelzl-Marx, die europäische Zeitgeschichte mit Schwerpunkt Konflikt- und Migrationsforschung an der Uni Graz lehrt, in den Salzburger Nachrichten an und verweist auf die Gefahr, dass nun wieder unreflektiert alte Negativzuschreibungen und Projektionen über „den Osten“ übernommen werden. „Was bis heute nachwirkt,“ so zitiert Thomas Hödlmoser in den Salzburger Nachrichten Stelzl-Marx, „sind die Gräueltaten der sowjetischen Besatzer ab 1945, vor allem die Vergewaltigungen, Morde, Verschleppungen und Plünderungen. All das trug dazu bei, dass die Sowjets in Österreich eben nicht nur als Befreier vom Naziterror gesehen wurden, sondern auch als rachsüchtige Besatzer. Die NS-Propaganda über den ‚slawischen Untermenschen‘ und dann die tatsächlichen Verbrechen der Besatzer hätten nach 1945 die ‚positiven Erfahrungen‘ mit den Sowjetsoldaten überlagert […] Als ein Beispiel nennt Stelzl-Marx die Hilfslieferungen der Roten Armee an die hungernde Wiener Bevölkerung am 1. Mai 1945. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann geprägt vom Kalten Krieg – und dem Niederwalzen der antisowjetischen Aufstände in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968, die noch stark in Erinnerung sind.“

Links:

ORF Steiermark
Kronenzeitung
Salzburger Nachrichten (nicht kostenfrei)