Dissertation zu britischen „Besatzungskindern“

Ihre Lebensläufe sind eng mit dem Kriegsende verbunden, ihre Geschichte war lange Zeit ein Tabu: Geschätzte 30.000 uneheliche „Besatzungskinder“ wurden nach 1945 in Liebesbeziehungen, Affären und „Versorgungspartnerschaften“ zwischen alliierten Soldaten und österreichischen Frauen geboren oder kamen in Folge von Vergewaltigungen zur Welt. Die meisten dieser Kinder kannten ihre leiblichen Väter nicht oder wurden von ihnen verlassen. Bis heute sind viele auf der – oft aussichtslosen – Suche nach ihren „Wurzeln“. Gleichzeitig wurde während der Besatzungszeit eine unbekannte Zahl von Kindern in Ehen zwischen österreichischen Frauen und westlichen Besatzungssoldaten geboren.

Im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten „Horizon2020 Marie Skłodowska-Curie Actions Innovative Training Network ‚Children Born of War – Past Present Future‚“ untersuchte Lukas Schretter am BIK die Lebens- und Sozialisationsbedingungen der Nachkommen britischer Besatzungssoldaten und österreichischer Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf Grundlage archivalischer Quellen erforschte er die britische Haltung gegenüber „Besatzungskindern“ sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Die Analyse biografischer Quellen, insbesondere von Interviews, und der Daten einer Fragebogenstudie widmete sich den unehelichen Kindern britischer Besatzungssoldaten, die in den von Großbritannien verwalteten Zonen Österreichs – Steiermark (mit Ausnahme des Ausseerlands), Kärnten, Osttirol – und im britischen Sektor in Wien auf die Welt kamen und/oder aufwuchsen sowie den ehelichen Nachkommen der „Kriegsbräute“ österreichischer Herkunft. Das Forschungsprojekt beansprucht, einen Beitrag zur Forschung an Children Born of War und „Besatzungskindern“ zu leisten und ein Desiderat in der Geschichtsforschung zum Zweiten Weltkrieg sowie dessen Folgen zu schließen.

Lukas Schretter schloss seine Forschungen im Jahr 2019 im Rahmen einer „Abschlussstelle“ am Institut für Geschichte der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Karl–Franzens–Universität Graz ab. Das Studium beendete er im April 2020 mit der Dissertation „Britische Besatzungskinder. Die Nachkommen britischer Soldaten und österreichischer Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg“. Prof. Barbara Stelzl-Marx ist Erstbetreuerin und Erstbegutachterin der Dissertation. Prof. Sabine Lee ist Zweitbetreuerin der Dissertation im Rahmen des EU-Netzwerks Children Born of War – Past Present Future. Prof. Karin Schmidlechner-Lienhart ist Zweitbegutachterin der an der Karl–Franzens–Universität Graz eingereichten Dissertation.

Abbildung: Britisches „Besatzungskind“ mit Cousins, ca. 1950. Foto: Privatbesitz: Zita L., Kärnten